• mondoverbale

9 Gründe, weshalb wir Listicles trotzdem lieben


Sie lesen News im Internet? Dann sind Ihnen solche Überschriften vertraut:


7 Tricks, wie Sie Ihre pubertierenden Sprösslinge in der Wildnis aussetzen oder

16 fantastische Geburtstagstorten, die in maximal 5 Minuten zubereitet sind


Die dazugehörigen Texte nennen sich Listicles (Kunstwort aus dem englischen „list“ und „article“) und sind Artikel im Listenformat. Im Internet sind sie etwa so verbreitet wie die Windpocken im Kinderhort. Und ihr Ruf ist zweifelhaft: Oft werden sie als journalistischer Fastfood verpönt, zumal sie mit bedauernswerter Vorliebe seichte Themen abgrasen.


Doch der Erfolg der Listicles hat durchaus seine Berechtigung, denn sie treffen den Nerv der Zeit: Online-Leser wollen sich schnell und strukturiert informieren – und zwar nicht nur über Schminktipps oder die beliebtesten Kinderhotels in Österreich. Listicles können sich durchaus auch seriöseren Themen annehmen, z. B. in einem Firmenblog eines Immobilienmaklers: 7 Gründe, weshalb Sie dank einem unabhängigen Immobilienberater Geld und Nerven sparen. Oder für eine Outdoor-Firma: 15 Dinge, die Ihre Campingreise zum Wellnessurlaub machen.


Listen bringen Ordnung ins Zettelchaos.

Ich wage hier deshalb einen Verteidigungsversuch für den Listicle:


1. Kampf dem Chaos

Der Mensch kritzelt Listen, seit er Papyrus erfunden hat. Wir haben das Bedürfnis, Dinge zu ordnen, um uns vor der ständig drohenden Überforderung zu retten und Komplexität aufs Wesentliche zu reduzieren. Dabei wird gewichtet, gewertet und – es geht gar nicht anders – auch ausgelassen. Das ist nicht weiter schlimm, denn die aufgeklärte Listicle-Leserschaft ist sich dessen bewusst.


2. The Making Of: schnell und schmerzlos

Stehen Thema und Inhalt, so schreibt sich ein Listicle relativ zügig. Da ein Listicle sozusagen eine Mindmap in Textform ist, brauchen Sie keine Zeit auf die sprachliche und inhaltliche Verknüpfung der Abschnitte zu verschwenden. Tippen Sie unbeschwert drauflos und ordnen Sie die Punkte am Schluss nach Wichtigkeit, Thema oder ganz nach Ihrem Gusto. Dann noch eine sexy Headline basteln – et voilà: Fertig ist Ihr Meisterwerk!


3. Online-Leser ticken anders: schneller!

Das Lesen eines Online-Textes dauert rund 25% länger als das Lesen eines Print-Textes, denn am Bildschirm ermüden unsere Augen stärker. Das beeinträchtigt unser Konzentrationsvermögen. Auch das Leseverhalten ist anders: Im Internet lesen wir meist nicht Zeile für Zeile, sondern scannen die Inhalte von oben nach unten. Dabei nehmen wir in erster Linie die Überschriften wahr. Und davon können wir in Listicles zu jedem Punkt eine setzen. Erregen sie das Interesse der Leser, werden diese auch den dazugehörigen Text lesen.


4. Sorry, Sie haben es eilig?

Kein Problem – gehen Sie direkt zu Punkt 9. Sie verpassen nichts Weltbewegendes. Bei Listicles verlieren Sie nie den roten Faden, weil es ihn gar nicht gibt. Ebenso problemlos finden Sie dank der Nummerierung den Einstieg wieder, wenn Sie vom quengelnden Nachwuchs oder vom Anruf eines Krankenkassenvergleichszentrums-das-selbstverständlich-nicht wirbt-sondern-nur-informiert unterbrochen werden.


Auch To-do-Listen helfen, die Gedanken zu ordnen.

5. Wie der Blogger, so der Schriftsteller

Neben Bloggern outen sich auch Schriftsteller als Listen-Fetischisten und erteilen dem Listicle somit den literarischen Ritterschlag. Umberto Eco hat mit „Die unendliche Liste“ ein ganzes Buch in Listenform geschrieben und bebildert – und zwar zum Thema Listen. Ein weiteres prominentes Beispiel: Der Brite Nick Hornby lässt seinen Protagonisten in „High Fidelity“ unentwegt persönliche Listen erstellen, von den Top 5 der Ex-Freundinnen bis zu den fünf schlechtesten Songs aller Zeiten. Listicle-Schreiber befinden sich also in bester Gesellschaft.


6. Unterhaltsam und authentisch

Sie haben es bereits bemerkt: Listicles dürfen leichtfüssig, süffig und humorvoll daherkommen. Oft unterhalten sie besser als manch mittelmässige Kolumne. Und sie bieten die hervorragende Gelegenheit, Persönlichkeit in den Text einfliessen zu lassen. Auf einen Unternehmsblog bezogen: Ein Blog-Eintrag im Listicle-Format trägt dazu bei, dem Unternehmen ein unverkennbares Profil zu verleihen. Das schafft Sympathie und Nähe.


7. Kassenschlager

In den USA basieren ganze Websites auf dem Listen-Prinzip, und dies mit Erfolg. Surfen Sie mal durch die seichten Gewässer von buzzfeed.com oder cracked.com: Da es gibt es kein Thema, das nicht schon mal seziert und dann häppchenweise als leicht verdaulicher Listicle wieder aufgetischt wurde. Unterhaltungsfaktor: hoch.


8. Die Qual der Zahl: 9 oder 87 oder 1534 Gründe

Listicles sind so flexibel wie der Gummibund einer Pyjamahose. Eine genau definierte Anzahl Gründe/Fakten/Zitate etc. wird ohne Anspruch auf Vollständigkeit präsentiert. Beneidenswert, diese unverkrampfte Fusion mathematischer Präzision und salopper Unverbindlichkeit!


9. Herzliche Gratulation!

Sie haben es bis zum letzten Punkt geschafft.

Falls Sie Lust auf Listen bekommen haben: Schreiben Sie gleich selber los. Ob persönliche Bucket List der Lebensträume oder Listicle fürs Business oder den eigenen Blog – beim Schreiben ordnen sich die Gedanken und Prioritäten wunderbar. Das ist viel wert: Denn nur wer seine Ziele kennt, kann diese auch erreichen.

© 2020 mondoverbale